Schmerzlicher Abschied

Ich habe Abschied genommen. Ein Abschied, der schmerzte. Die Stunde des Abschieds hatte viel Unversöhnliches, obwohl sie vermutlich als Versöhnungsgeste gedacht war.

Entpflichtung. Bürokratisches Kirchendeutsch.

Vorher hatte ich dieses Wort noch nie benutzt, nicht einmal gehört. Der Pfarrer hat Konsequenzen gezogen und sich vorzeitig von seiner Gemeinde getrennt. Von seiner Gemeinde, die nach dem Willen vieler in ihrer Leitung nicht mehr seine sein sollte. Er wurde entpflichtet, nicht verabschiedet.

Er träumte

„von einer offenen und einladenden Kirche, die Menschen so willkommen heißt, wie sie sind. Eine Kirche, die nicht nach Voraussetzungen fragt und das Gefühl vermittelt angenommen zu sein.“ Die Menschen sollten „mit ihren Ideen, ihren Wünschen, ihren Freuden, ihren Nöten, ihren Ängsten, ihren Sorgen, ihren Hoffnungen, ihrem Glauben, ihrer Liebe, eben einfach mit ihrem Leben, so wie sie sind, eine weit geöffnete Tür finden und willkommen“ sein.

Dieser Traum ließ sich mit der Leitung der Gemeinde nicht verwirklichen.

Mich hat dieser Pfarrer willkommen geheißen und angenommen. Er hat mich für Gottesdienste begeistert. Er hat mich angesprochen, in dem er die Liturgie, die ich seit meiner Konfirmandenzeit  gewohnt war, verändert hat. So verändert, dass ich jeden Gottesdienst mit Spannung erwartete.

Mit seiner Andersartigkeit, mit seiner Ausdrucksstärke hat er mich mitgenommen auf seinem Weg und mich in meinem Glauben gestärkt. Seine Art, die Geschichten der Bibel der Gemeinde zu erzählen, hat mich gefesselt und berührt. Er provozierte mit seinem Anderssein – manchmal ging er dabei vielleicht einen Schritt zu weit: Der Sprung auf den Altar im Gottesdienst gehörte in diese Katagorie.

Die Freiheit im theologischen Denken wurde ihm am Ende nicht gewährt.

Martin Luther

Martin Luther (rs-foto on flickr.com CC BY 2.0)

Heute bedauere ich, dass ich in den vergangenen Jahren, in denen ich wegen Umzugs nicht mehr zur Gemeinde gehörte, nicht häufiger seine Gottesdienste besuchte, ihn nicht wenigstens durch meine Anwesenheit unterstütze. Weit weg war ich ja nicht, aber die Bequemlichkeit hat dann doch zu oft gewonnen.

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Prediger 3,1

Ich freue mich für diesen Pfarrer, dass er eine neue Aufgabe gefunden hat: Er wird Kindern und Jugendlichen von Gott erzählen. Viele von Ihnen werden den Weg zur Kirche finden, auch und gerade bei einem nicht-christlich geprägtem Elternhaus. Das ist die Hoffnung, die sich für mich mit diesem Abschied verbindet.

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