Für die Öffentlichkeit

Jeff Jarvis in Berlin. Och, nö, nicht wieder die Sauna-Geschichte werden manche von Euch sagen. re:publica, Böll-Stiftung und jetzt auch noch bei der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Laaaangweilig, höre ich den einen oder anderen von Euch rufen.

Nein, es war nicht langweilig. Es war der offensichtlich spannende Gegensatz zwischen dem Bundesinnenminister, dessen Rede ich bislang nur aus dem Tweets kenne, und dem Amerikaner, der auch aufgrund des Internets eine tiefe Beziehung zu Deutschland entwickelt hat. Der Versuch, mir die Reden anzusehen, scheiterte zunächst am notwendigen Silverlight-Plugin für den Livestream und dann an der Entfernung zum Tagungsort in Adlershof. Da die KAS die Rede des Ministers noch nicht online gestellt und das BMI den Text auch nicht veröffentlichte, bleiben mir vom Minister nur legendäre getwitterte Wahrheiten wie: »Ich habe auch Google.«, »Heute können wir uns ganze Bibliotheken in unsere Wohnzimmer laden.« und Steckis Resumee.

Widmung im Buch "public parts"

Für die Öffentlichkeit (public parts von Jeff Jarvis)

Das Buch von Jeff Jarvis: Public Parts: How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live

Die Trennung in eine analoge und eine digitale Welt ist eine, die in der Politik noch zu oft vorgenommen wird. Aber auch an anderen Orten begegnet mir immer noch diese Sichtweise. Diese Woche hörte ich in der Schule meines Sohnes von Eltern, die “Angst” davor hätten, ins Internet zu gehen. Glücklicherweise gibt es an der Schule eine Elterninitiative ”Neue Medien”, die wertvolle Aufklärungsarbeit leistet. Mein erster flüchtiger Eindruck ist jedoch, dass auch diese Gruppe bislang die Risiken stärker im Blick hatte als die Chancen des Netzes. Ich werde zukünftig dort mitarbeiten. Mal sehen, was sich an neuen Erkenntnissen gewinnen lässt und was ich hier davon berichten kann.

Doch zurück zu Jeff Jarvis: Es ist banal, muss aber immer wieder gesagt und erneut aufgeschrieben werden: Das Netz ist international. Ein nationaler regulatorischer Internetgesetzgeber ist herausgefordert, wenn er ein Gesetz machen will, das wirklichen Nutzen bringt. Vorher ist zu fragen: Erreicht die geplante Maßnahme wirklich das gesetzte Ziel? Die Netzsperren, die der Bundestag am vergangenen Donnerstag hoffentlich endgültig begraben hat, hätten größeren Schaden angerichtet als Nutzen gebracht. Gut, dass das erkannt wurde.

12-jährige Kinder lügen mit Hilfe ihrer Eltern

Die Altersbeschränkung bei Facebook hat offensichtlich nicht dazu geführt, unter 13-jährige von diesem Netzwerk abzuhalten. Es wird bei 12-Jährigen nur deutlich häufiger gelogen. Oft mit Hilfe oder Billigung der Eltern. Jeff Jarvis beschreibt das in seiner Rede:

“The real impact of the Children’s Online Privacy Protection Act, COPPA, from my experience, is that companies won’t create sites for children because the risk is too great. The result: children are the worst-served sector of society online. That’s a tragedy.”

In Deutschland ist es nicht viel besser. Das Stichwort Jugendmedienschutzstaatsvertrag ist nach seiner Ablehnung aus den Schlagzeilen verschwunden, ob die Einsicht bei den berufsmäßigen Jugendschützern in die Grundlagen des Netzes gewachsen ist, darf weiterhin noch bezweifelt werden.

Ausdrücklich unterstütze ich Jarvis’ Idee eines “hippokratischen Eids” für das Netz: »Erstens, ich schade dem Netz nicht.« ( I ask us all to take a Hippocratic Oath for the net: First, do no harm.)

Drucksperren anno 1472?

Jeff Jarvis lobte die Deutschen für Johannes Gutenberg. Er sei der erste Technologieunternehmer gewesen. Wenn damals die Folgen des Buchdrucks absehbar gewesen wären, die wir heute kennen: Ich bin sicher, irgendeiner hätte »Drucksperren« gefordert. Die Druckerfarbe wäre rationiert oder die Papierherstellung unnötig erschwert worden. Vielleicht ist das auch alles passiert, irgendwo. Aber es hat sich in unserem Land die Aufklärung, die Freiheit und das Recht durchgesetzt: Werte, die ich nicht missen möchte.

Nun braucht unser Land und brauchen seine Bürger noch eine digitale Offenheit in Ergänzung zu der Offenheit, die Jeff Jarvis und viele Deutsche in der Sauna so schätzen und lieben gelernt haben.

Das Bundesinnenministerium hat mit Apps4Deutschland einen ersten Schritt in diese Richtung getan.

Beim Bloggerfrühstück der KAS am Tag nach dem Kongress erinnerte Jarvis wieder daran, dass das Netz vom Teilen lebt. Durch die Öffentlichkeit seiner Erkrankung hat Jarvis viele Ratschläge erhalten, die ihm sonst verborgen geblieben wären. Sein Tun will sicherlich nicht von jedem kopiert werden, aber es ist nicht falsch. Öffentlichkeit ermöglicht vielfach erst Zusammenarbeit. Jarvis’ Art der Öffentlichkeit relativiert den Makel, der in einer kleinen Gruppe oft zur Ausgrenzung führt. Öffentlichkeit schützt uns. Das sollten wir uns häufiger vor Augen führen.

Der Tagesspiegel dokumentiert die Rede von Jeff Jarvis in Deutsch und Englisch:

Jeff Jarvis: “Ihr Deutschen, seid öffentlicher” / “Recall the spirit of Gutenberg”

Update: Die KAS hat die Reden des Bundesinnenministers und von Jeff Jarvis als Audio online – leider kein MP3, sondern Flashplayer.

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2 Reaktionen auf “Für die Öffentlichkeit

  1. Die “tiefe Beziehung” von Jeff Jarvis zu Deutschland und auch sein Interesse daran rühren sicherlich an erster Stelle aus der Tatsache, dass seine Frau Deutsche ist und er häufiger zu Besuch bei den Schwiegereltern ist.
    Das Internet hat eher zu seiner Bekanntheit auch in Deutschland beigetragen.
    Er hat aber auch sonst eine Schwäche für Deutschland, etwa Habermas und, wie erwähnt, Gutenberg.

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