50 Jahre Deutschlandfunk

Es war keine Buchsbaumfete, soviel ist klar. Intendant Willi Steul hatte sich zum 50. Geburtstag des Deutschlandfunks keine Feierstunde im würdigen Rahmen mit Buchsbäumen rechts und links vom Klavier gewünscht. Der Wunsch wurde erfüllt, stattdessen gab es zum Geburtstag einen Kongress im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks. Aber auch „Kammermusiksaal“ signalisiert Erfurcht, schwarze Anzüge, schwere Reden. Das wäre dem Deutschlandfunk ebenfalls angemessen, denn er ist schon eine Institution, auf die ich am Frühstückstisch nur auf Drängen meiner Frau oder zugunsten von Deutschlandradio Kultur verzichte.

Tatsächlich war es ein sehr guter „Irgendwas-mit-Medien-Kongress“, der – fern von Berlin – dennoch mit vielen Hauptstadtleuten gespickt war.

Namensschild vom DLF-Geburtstag

Mein Namensschild vom DLF-Geburtstagskongress

Die These von der Postdemokratie wurde von Prof. Colin Crouch vorgetragen, fast ebenso heftig widersprochen von Prof. Nolte. Warum ausgerechnet der Beginn der Postdemokratie an einem britischen Skandal festzumachen sei, blieb leider offen. Wahrscheinlich war es einfach nur ein rhetorisches Stilmittel, da es auch um einen Kredit ging wie aktuell bei Christian Wulff. Offen blieb auch, warum der britische Professor nicht in seiner Muttersprache sprach, sondern aus falsch verstandener Höflichkeit auf deutsch referierte. Da gingen leider viele Details verloren.

MrTopf hat die Rede von Prof. Crouch zusammengefasst. Hier kann man sich den Vortrag und die anschließende Diskussion auch anhören.

Vortrag von Prof. Colin Crouch (via dlf50.org)

Prof. Nolte brach eine Lanze für alle Mitglieder von Parteien, für die deutsche Demokratie insgesamt. Mehr als eine Million Menschen engagieren sich in Deutschland in Parteien. Das ist nicht immer einfach, erfordert viel Überzeugungskraft, wenn man eigene Ideen durchsetzen will. Parteien garantieren versuchen einen Interessensausgleich. Das mag nicht populär sein, auch vielfach nicht attraktiv. Sicherlich gibt es reformbedürftige Strukturen in Parteien. Debatten darüber beispielsweise bei #zukunftvolkspartei ausführlich oder immer mal wieder bei kritikkultur.de.

Dass sich diese Strukturen im Grundsatz bewährt haben, zeigt gerade die Bildung neuer Parteien wie der Piraten. Die haben zu Beginn in dichter Folge ein paar Pannen und Skandälchen produziert, die die anderen in gleichem oder größeren Maßstab allerdings auf der Zeitachse besser verteilt, schon hinter sich haben. Alles in bester Ordnung. ;)

Doch zurück zum Radio: Welche Aufgabe hat der Deutschlandfunk im digitalen Zeitalter? Zunächst könnte man fragen, welche Aufgabe der DLF im wiedervereinigten Deutschland noch hat. Der Gründungsauftrag (MP3)


Feature: 50 Jahre Deutschlandfunk

ergab sich aus der deutschen Teilung. Die Information für die Deutschen in der DDR war die wichtigste Aufgaben des DLF, die nach der Wende obsolet wurde. Es fusioniert der DLF mit dem RIAS und dem DSKultur und betreibt mittlerweile drei Sender, davon einer, DRadio Wissen, ausschließlich digital ohne UKW-Frequenzen.

»Der Auftrag an den Deutschlandfunk war mit der … Wiedervereinigung Deutschlands nur auf den ersten Blick und nur zum Teil entfallen. Die Aufgabe stellte sich nun verändert: Es gilt heute, die Menschen in ganz Deutschland über die Politik und das kulturelle Geschehen aus allen Ländern zu informieren.«
Intendant Steul zum Auftakt des Kongresses

Man könnte einwenden, dass diese Aufgabe auch die Landesrundfunkanstalten übernehmen (könnten). Dennoch ist es gut, einen nationalen Sender zu haben, der abseits von regionalen Interessen, Dinge einordnet und im größeren Zusammenhang darstellt. Darin liegen die Stärken des DLF, der nur noch selten eine Nachricht als erster hat. Der Deutschlandfunk ist Radio als »ausgeruhter Raum«, wie es BpB-Präsident Krüger formulierte. Breaking News machen andere. Und das ist gut so.

Steve Herrmann (@BBCSteveH) von der britischen BBC zeigte am ersten Tag anschaulich auf, dass man in der heutigen Medienlandschaft auf keinen Verbreitungskanal verzichten könne. Abhängig vom Alter des Zuhörers bzw. Zuschauers, aber auch von der Tageszeit, nimmt das BBC-Publikum Inhalte via Mobile, Desktop Computer, TV und Tablet auf. Kaum ein User beschränkt sich dabei auf einen Zugangsweg. Immer mehr wollen die Inhalte unabhängig von der Sendezeit auf unterschiedlichen Endgeräten konsumieren. Die Kombination von Internet und TV, technisch durch die Netzwerkfähigkeit der Fernsehgeräte begünstigt, gelangt auf das Sofa und wird dort auch von Zuschauern alten Stils, also Non-digital-residents, angenommen. Es sind allerdings nur erste, zarte Versuche. Auffällig – und sehr ähnlich zu meinem eigenen Nutzerverhalten – ist der dramatische Anstieg der Tablet-Nutzung am Abend.

Die Generation Y nutzt nach der BBC-Statistik Inhalte überwiegend via Internet. Unwahrscheinlich ist, dass die Generation Y mit Zuwachs an Lebensjahren ihre Verhaltensweisen wesentlich ändern wird. Sie werden nicht auf das immer verfügbare Netz verzichten und zu traditionellen Formen des Medienkonsums zurückkehren wollen.

[Ich hoffe, dass die interessanten Grafiken von Steve Herrmann demnächst online verfügbar sein werden.]

Am zweiten Tag beeindruckte Paul Lewis (@PaulLewis) vom britischen Guardian. Der Guardian hat bislang brillant auf die Veränderungen der Medienlandschaft reagiert. Wahrscheinlich hat er nur durch den Medienwandel, die Globalisierung und das Internet die Bedeutung erlangt, die er heute weit über UK hinaus hat. 40 Millionen Visits monatlich online gegenüber 280.000 täglich verkauften Print-Exemplaren sind zwar kein direkter Vergleich, aber dennoch ein nicht zu ignorierender Trend.

Die Art, wie der Guardian Themen in der Recherche anpackt und Datenjournalismus populär gemacht hat, beeindruckt mich. In dieser Form ist das »Blatt« sicherlich »miles ahead«, verglichen mit deutschem Journalismus. Auf der Tagung haben zwar fast alle anwesenden Journalisten die Relevanz von Twitter betont, jedoch zeigt der Twitter-Jahresrückblick von DRadioWissen, dass man zumindest öffentlich Twitter noch nicht so wirklich ernst nimmt. Schade, eigentlich.

In der komfortablen Situation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit 8,5 Milliarden Euro jährlichen Einnahmen (Die Zahl wurde mehrfach genannt. Überprüft habe ich sie nicht.) ist es nahezu selbstverständlich, dass über Business-Modelle des Journalismus auf diesem Kongress kaum gesprochen wurde. Wahrscheinlich liegt die Zukunft des sogenannten Qualitätsjournalismus in einer Finanzierung, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nahe kommt. Die Haushaltsabgabe, die die GEZ-Gebühr in Kürze ersetzen wird, hat etwas von einer Kulturflatrate.

Was macht der Guardian? Die Print-Leser finanzieren die mächtige Online-Ausgabe mit. Das ist kein Zukunftsversprechen, denn die Leser werden entweder wegsterben oder erkennen, dass sie online besser bedient werden, ohne dafür zahlen zu müssen. Paywalls sind keine Lösung, da es die blanke Nachricht auch zukünftig online umsonst geben wird. Nur für sehr hochwertigen Content besteht eine gewisse Zahlungsbereitschaft. Der wesentliche Grund gegen Paywalls liegt jedoch in der Struktur des Netzes. Das Netz ist auf Teilen angelegt. Das verhindern Paywalls jedoch in maximal möglicher Weise. Ein weiteres Standbein könnten stiftungsfinanzierte Modelle sein, wie der Datenjournalismus zu den Unruhen in England, in der unter anderem 2,5 Millionen Tweets ausgewertet wurden. Mehr zu den London riots beim Guardian http://www.guardian.co.uk/uk/london-riots

Mehr zum Kongress unter anderem an folgenden Stellen des Netzes:

Update: Inge Seibel-Müller (@issis) schreibt bei bpb.de (Hörfunker.de) über die Konferenz und verlinkt mich freundlicherweise.

dlf50.org hat inzwischen die Folien und den Mitschnitt von Steve Herrmann, Editor BBC News Online veröffentlicht, die ich sehr empfehle.

Nachtrag: Heinrich Rudolf Bruns alias @Hynkl hat ein Foto der Digitalen gemacht.

Twitterer-Treffen am Rande der Konferenz

Twitterer-Treffen am Rande der Konferenz (Foto von @Hynkl)

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7 Reaktionen auf “50 Jahre Deutschlandfunk

  1. Ein recht guter Überblick über die Veranstaltung.

    > Dass sich diese Strukturen im Grundsatz bewährt haben, zeigt gerade die Bildung neuer Parteien wie der Piraten. >

    Sowohl die These der „Bewährung“ als auch den vermeintlichen Beleg bestreite ich entschieden.
    Die Unterstützung des real erlebten politischen Systems in Deutschland sinkt nach meinen Eindrücken kontinuierlich. Eine der Ursachen erscheint mir die teilweise „Selbstabschottung“ durch die etablierten Parteien. Was die Zukunft der derzeit sich im medialen Hype befindlichen Piraten angeht, so bin ich dauerhaft recht skeptisch.
    Natürlich „muss“ ein bezahlter Mitarbeiter einer Partei es ganz anders sehen.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Wie geschrieben, sehe ich keine postdemokratischen Zustände in Deutschland. Der (repräsentativen) Demokratie geht es gut. Und Glauben Sie mir: Das muss ich nicht schreiben, auch nicht mit Rücksicht auf meinen Arbeitsvertrag.

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