Benzintourismus

Ferienausflügler, Tierschützer, Schnäppchenjäger, Urheberrechtsverletzer oder Soziologie-Praktikant: Irgendwas von allem hätte ich heute sein können. Manches war ich dann auch tatsächlich.

Am Frühstückstisch reift angesichts der Tagesspiegel-Grafik zu den europäischen Benzinpreisen, einen vorösterlichen Ausflug ins nahegelegene Polen zu machen. 1,43 Euro kostet derzeit der Liter Euro 95 im Nachbarland und ist damit nur noch in Zypern, Bulgarien und Rumänien billiger. Ich glaube ja nicht, dass es sich lohnt, die knapp 100 km nach Slubice allein zum Tanken zu fahren. Aber wenn ich den Tankstopp mit einer soziologischen Studie über Polenmarkt-Besucher verbinde, für die Urheberechtsdebatte in Deutschland Argumente sammele und auch noch einen schönen Tag verlebe, dann, ja, dann… Ich fahre los.

Verwundert stelle ich nebenbei fest, dass der neue Flughafen BER gefühlt auf der Hälfte der Strecke nach Frankfurt/Oder liegt. Warum wurde der hier, so nahe an der polnischen Grenze, gebaut? Fährt wirklich die S-Bahn bis hier her, frage ich mich. Versprochen wurde das. Was mag wohl ein Taxi zum Flughafen kosten? Mit den gewohnten 20 Euro in 20 Minuten werde ich zukünftig nicht hinkommen.

Weitere Randnotiz: Auf dem Weg zum billigen Sprit passiere ich die erste Autobahntankstelle Deutschlands nahe der Ausfahrt Fürstenwalde. Sie ist die letzte ihrer Art und steht seit seit 1996 unter Denkmalschutz.

Tankstelle Fürstenwalde

Tankstelle Fürstenwalde (wikicommons/Clemensfranz (CC BY-SA 3.0))

Am Ortseingang von Frankfurt/Oder existieren tatsächlich noch zwei Tankstellen. Die stadteinwärts ist völlig verlassen, gegenüber werden später bei der Heimfahrt noch zwei Geschäftswagen tanken, deren Tankkarte in Polen wohl nicht akzeptiert wird. Auf polnischer Seite fällt zunächst eine moderne ARAL-Tankstelle mit einer nahezu unendlichen Reihe von Tanksäulen auf. Trotzdem stauen sich neben jeder Säule hinter dem Tankenden noch zwei weitere Fahrzeuge. Beim Bezahlen wird der Kunde selbstverständlich nach der deutschen Payback-Rabatt-Karte gefragt.

Aber der Hammer ist der Basar am Rande der Stadt: Filme, die in Deutschland noch nicht einmal im Kino laufen, hätte ich hier für 5 Euro auf DVD kaufen können. Der Verkäufer bietet mir auch an, die DVD zunächst auf dem bereitstehenden DVD-Player zu testen. Ich schaue wohl zu skeptisch.

Um die Ecke wartet die 5th Avenue: T-Shirts mit Abercromie & Fitch-Schriftzügen. Nebenan Trainingsanzüge, die so aussehen, als ob sie von adidas sein könnten. Parfum-Flakons, deren Inhalte ich nicht riechen möchte. Eingebettet wird dieser Polenmarkt durch ein paar Friseure, Fressbuden und Blumenverkäufer. Am Rande des Parkplatzes stehen ein paar Männer mit vielen sehr kleinen Hunden. Ob diese niedlichen Tiere auch zum Verkauf angeboten werden?

Die anderen Besucher des Marktes, bepackt mit Jeans, Parfum und Krakauer Würstchen, zwängen sich wieder in ihre Autos.

Ich entscheide mich für 30 Stiefmütterchen, das Stück zu 40 Cent. Und zwei Hefezöpfe für insgesamt vier Euro.

Ein lehrreicher Ausflug gen Osten.

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Eine Reaktion auf “Benzintourismus

  1. Wir waren neulich erst wieder in Slubice. Die Preise sind immer noch in Ordnung. Aber nur wegen des Tankens dorthin zu fahren, würde es sich nicht lohnen. Wir kaufen dann halt gleich Zigaretten, damit sich die Fahrt lohnt!

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