Europa und der zweite Hauptsatz der Thermodynamik

Überall an der Küste wird man auch über 70 Jahre danach noch daran erinnert: An die Besetzung der Bretagne durch die Truppen der deutschen Wehrmacht. Unzählige kleine und große Bunkeranlagen an den Steilküsten habe ich in den wenigen Urlaubstagen gesehen. Die Reste können von der Realität der damaligen Zeit nur einen schwachen Eindruck vermitteln. Hineingebohrt in die Felsen zeugen sie jedoch immer noch, Jahrzehnte danach, von einer schrecklichen Zeit jüngerer europäischer Geschichte.

Bunkeranlagen und Museum bei Pen-Hir

Bunkeranlagen und Museum bei Pen-Hir

Der kurze Besuch am Sonntagsnachmittag in der Hafenstadt Brest zeigte ebenfalls die Folgen des Zweiten Weltkrieges. Die Innenstadt wurde nach der Zerstörung – nicht zuletzt durch die Bombardierungen der Allierten – im Stile einer vorbildlichen sozialistischen Planerfüllung wiederaufgebaut. Ich hatte nicht das Gefühl, in einer Hafenstadt an der Atlantikküste zu sein – es hätte auch irgendwo im Osten Deutschlands sein können.

Innenstadt von Brest

Innenstadt von Brest

So eindrucksvoll diese Zeugnisse des Wahnsinns dieser Zeit für mich waren, so klarer machten sie mir wieder einmal, wie wichtig die europäische Integration für unser Land und uns alle ist. Und wie weit fortgeschritten sie tatsächlich schon ist: Die Autokennzeichen in Europa sind sich so ähnlich, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um zu erkennen aus welchem Land das Fahrzeug eigentlich kommt. Bei der Müllentsorgung kennen die Franzosen inzwischen auch Gelbe Säcke, in die wir sogar das Altpapier entsorgen konnten.

Im Ernst: Die politische Integration ist soweit fortgeschritten, dass wir in Europa Nationalstaaten nicht mehr ohne die Europäische Union denken können. Die europäische Integration ist vergleichbar mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Wir wissen: Alle spontan (in eine Richtung) ablaufenden Prozesse sind irreversibel. Alle Prozesse, bei denen Reibung stattfindet, sind irreversibel. Ausgleichs- und Mischungsvorgänge sind irreversibel. Es ist bis heute nicht gelungen, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu beweisen. Er ist ein Erfahrungstatsache. Ganz ähnlich verhält es sich mit der europäischen Integration.

Die europäische Idee ist derzeit im Krisenmodus. Beim Geld hört die Freundschaft auf, sagte meine Großmutter immer. Aber wir sind in Europa mehr als Freunde. Wir sind eine Familie – und da hilft man sich gegenseitig, auch wenn man die eingeheiratete Sippschaft nicht immer auf Anhieb mag.

Wie in einer Familie sollten wir mehr miteinander reden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat das in seiner Rede anlässlich des Karlspreises so ausgedrückt:

“… (Es) braucht eine europäische Öffentlichkeit. Jede demokratisch verfasste Gemeinschaft braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich mit ihr identifizieren, die sich ihr zugehörig fühlen. So wie Identität und Zugehörigkeit notwendige Voraussetzungen für die Akzeptanz des Mehrheitsprinzips ist, so erfordert demokratische Willensbildung Kommunikation.”

Ich bin einer von denen, die sich Europa zugehörig fühlen. Nach den Eindrücken der letzten 14 Tage umso mehr. Jetzt muss ich nur noch mein Französisch verbessern, damit ich nicht nur Fisch und Tomaten auf dem Markt kaufen, sondern auch am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen kann.

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2 Reaktionen auf “Europa und der zweite Hauptsatz der Thermodynamik

  1. Ich war mit Menschen aus sechs Ländern Europas eine Woche in Holland – und fühle mich Europa ebenfalls sehr zugehörig! Gut geschrieben! DG

  2. Eine schöne Metapher, lieber Frank, du hast völlig Recht.

    Ich erlebe derzeit genau das Gegenteil: Ein kleines stolzes Land, das politisch nie irgendwo hat dazu gehören wollen. Wo man sich immer abgrenzt: Wir sind die Schweiz, der Rest das Ausland.

    Und doch ist die Verflechtung extrem eng: eine wahnsinnig erfolgreiche globale Exportwirtschaft, aber auch ganz viele Schweizer, die zwei Staatsbürgerschaften haben. Und nach und nach kommt es deshalb auch zu politischen Annäherungen – von denen die Schweiz wiederum extrem profitiert – so sind zum Beispiel durch das Personenfreizügigkeitsabkommen sehr viele sehr Qualifizierte junge Leute in die Schweiz gekommen, die das Wachstum hier nachweislich angetrieben haben.

    Die Integration ist nicht nur vor der Vergangenheit, sondern schlicht wirtschaftlich für alle Beteiligten ein extremer Gewinn. Das ist einfach Fakt – und deshalb lohnt sich das Reden miteinander, das Einkaufen auf den Nachbarsmärkten et si tu veux, cher Frank, je t’aiderai avec le vocabulaire social dont tu auras besoin pour participer dans ce débat essentiel entre tous nos pays ;)

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