Ich bin Organspender

»Das Kind war nicht mehr zu retten. Nur noch seine Organe.«
Süddeutsche vom 2.11.2012

Die Organspende gehört zu den emotionalsten Themen in der Debatte über die Möglichkeiten der Medizin. Es ist eine grandiose Vorstellung, am Ende seines Lebens anderen helfen zu können. Dabei helfen zu können, dass ein anderer wieder ein lebenswerteres Leben hat. Für Eltern, die ihr Kind verlieren, kann dies die vielleicht einzige Antwort auf die sinnlose Frage nach dem Sinn des Verlusts ihres Kindes sein.

Auch die Hoffnung eines Kranken mit einer Transplantation eines geschädigten Organs wieder ein hoffnungsvolleres Leben führen zu können, ist nur allzu verständlich.

Der Bundestag hat sich nach langer Debatte dafür entschieden, die Bürger mindestens einmal im Leben mit der Entscheidung zu konfrontieren, ohne sie zu einer Entscheidung zu zwingen. Das entsprechende Gesetz ist gestern in Kraft getreten.

Bedauerlicherweise haben diesen guten Plan einige Mediziner hintertrieben. Sie haben die Kriterien für ihre Patienten hingebogen, teilweise auch zu ihrem eigenen Vorteil. Ein paar Plätze auf der Warteliste nach oben rutschen. Oder ein Organ vielleicht ohne Warteliste erhalten.

Wer, warum und wann welches Spenderorgan erhält, ist ohnehin nur nach scheinbar objektiven Kriterien zu definieren. Vollständige Objektivität gibt es nicht, schon gar nicht hier – auf diesem von permanentem Mangel geprägten »Markt«.

Bei allen Appellen an die Spendebereitschaft: Es wird nie genug Organe geben. Solange Doktor McCoys blinkender Salzstreuer nicht tatsächlich Organe nachwachsen lassen kann, solange wird es Menschen geben, die an einer Krankheit sterben. (Selbst bei Pille wird gestorben: „He’s dead, Jim!„) Sie sterben, weil sie unheilbar krank sind. Ein rettendes Organ ist ein Geschenk, für Christen ein Geschenk Gottes. Niemand ist verantwortlich dafür zu machen, dass gerade dieser Mensch kein Spenderorgan erhalten hat.

Die Debatte um die Organspende ist auch deshalb so kompliziert, weil das Ende des Lebens nicht nach objektiven Kriterien zu definieren ist. Jedenfalls dann nicht, wenn es um Organspende geht: Das Herz, die Niere oder die Leber müssen frisch sein, durchblutet und voller Energie. Der Spender hingegen tot. Ein eigentlich nicht aufzulösender Gegensatz. Wenn der Spender »richtig« tot ist, sind seine Organe nur noch für die Kollegen von Prof. Börne interessant.

Organspenderausweis

„nach meinem Hirntod“ Organspenderausweis

1996 als das Transplantationsgesetz im Bundestag erarbeitet wurde, habe ich am Gruppenantrag Klaeden/Schmidt-Jortzig (Drs. 13/6591) mitgearbeitet. Die Grundzüge der erst jetzt beschlossenen Entscheidungslösung haben wir damals gefordert, ohne Erfolg allerdings.

Wesentlicher Bestandteil des Antrags war allerdings der Verzicht auf eine eindeutige Definition des Todes. Durchblutete Körper, ein schlagendes Herz oder ein Kind im Mutterleib passen nicht zu der landläufigen Definition von »Tod«. Darum sei es besser, so damals das zentrale Argument, darauf zu verzichten. In der FAZ haben Schmidt-Jortzig und Klaeden damals geschrieben: »Leichen bekommen kein Fieber.«

In der Begründung des Antrag heißt es:

Beim hirntoten Menschen werden von allen Organsystemen – außer dem Gehirn – substantielle Integrationsleistungen erbracht, die ihn wesentlich von einer Leiche unterscheiden. (…) Der Hirntod ist daher nicht als sicheres Todeszeichen und damit als Tod des Menschen zu definieren, sondern nur als Entnahmekriterium für eine Organtransplantation anzuerkennen.

Die Grenzen zwischen Leben und Tod sind im Bereich der Intensiv- und Transplantationsmedizin für mich immer noch nicht eindeutig zu beschreiben. Dennoch: Ich bin Organspender. Auf meinem Spenderausweis habe ich das Wort Tod durch Hirntod ersetzt. Nach meinem sicheren Tod kann ich keinem helfen. Mit der Vokabel »Hirntod« umschreibe ich den unumkehrbaren Zustand zwischen Leben und Tod, der es erlaubt, dass ich mit meinen Organen anderen helfen kann.

Denkbar ist das für mich nur mit einem gehörigen Vertrauen in die Menschen, die tagtäglich in diesem Grenzbereich arbeiten und mit großer Demut diese Aufgabe bewältigen. Scheinbar nimmt ihre Zahl leider nicht zu.

Und schließlich kann ich nur in dem festen Vertrauen so denken, dass da etwas ist, dass höher ist als alle menschliche Vernunft.

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2 Reaktionen auf “Ich bin Organspender

  1. Zu der „grandiosen Vorstellung“ – wie Sie meinen – sagt Professor Wolfgang Waldstein am 11.02.2012 in der Zeitung „Die Tagespost“:
    > „Die absurde Formel der Transplantationsmedizin lautet: Leben retten durch Töten. Und dieses Töten wird kurzerhand als „justifiable necessity for procuring transplantable organs“ erklärt. Wer kann dieses Töten wirklich rechtfertigen? Das Problem der Förderung der Bereitschaft zur Organspende liegt darin, dass sie die wohl meist nicht bewusste Bereitschaft einschließt, sich töten zu lassen. Und das darf nicht verschwiegen werden.“

    Sogenannte Hirntote sind allenfalls Sterbende im möglicherweise irreversiblen Hirnversagen. Die auf Hirntod basierende Explantation ist eine der grausamsten Tötungsarten, die Menschen je erfunden haben. Dabei werden Spender an Armen und Beinen festgebunden, um Bewegungen zu verhindern. Muskelentspannende Medikamente und manchmal (auf Wunsch) auch Narkosemittel werden gegeben (Quelle: Initiative „Kritische Aufklärung über Organtransplantation“ http://www.initiative-kao.de).

    Ein mir bekannter Klinikseelsorger, der die Umstände einer Explantation kennt wie jeder daran Beteiligte, sagt treffend: „Letztlich setze ich mich nicht auseinander mit der Frage: Was geschieht nach meinem Tod? Sondern ich setze mich auseinander mit der Frage: Wie möchte ich sterben?“

    Die TPG – Novelle „Entscheidungslösung“ trat am 01.11.2012 in Kraft. Krankenkassen sollen nun ihre Kunden bearbeiten, um die Zahl potentieller Spender zu erhöhen. Wissen dann alle Inhaber eines Spenderausweises, dass sie bei der Organentnahme nicht tot sind, die Formulierung im Ausweis (mit Bundesadler) „…nach meinem Tod…“ eine Lüge ist? Wissen das Angehörige, die einer Explantation zustimmen sollen und außerdem auch alle auf der „Warteliste“?

    • Herr Grau, auch ich habe meine Zweifel, ob der Hirntod wirklich der Tod ist, der menschlichem Vorstellungsvermögen entspricht. Es gibt meiner Ansicht nach keinen Weg zurück zum Leben, sondern er ist Teil des Sterbens. Für mich habe ich entschieden, zu diesem Zeitpunkt einer Organentnahme zuzustimmen.

      Ich kann aber auch jeden verstehen, der das für sich nicht akzeptiert.

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