Montagskaffee am Brandenburger Tor

Ende Februar 2013. So einen trüben Winter hatten wir seit Jahren nicht mehr, ermittelten die Experten des Deutschen Wetterdienstes. Das persönliche Wochenende war wegen des fehlenden Frühlings nicht so erholsam wie gewünscht. Um einen herum nur Dunkelheit, nicht nur gefühlt, sondern wissenschaftlich erwiesen.

Und dann ist er da: Der Montag. Fremd fühlt er sich an. An solchen Tagen belohne ich mich dann und wann mit einem kleinen Umweg auf dem Weg zur Arbeit.

Das Brandenburger Tor präsentiert sich auch an dem grauesten Montagmorgen eindrucksvoll. Der neue Ausgang am Bahnhof Brandenburger Tor führt den Reisenden direkt dorthin. Die massiven Säulen graben sich in den märkischen Sand, die Straße des 17. Juni und die Siegessäule wachsen mit jeder Treppenstufe am Horizont. Schließt man die Augen hört man die Pferde der Quadriga schnauben. Auch wenn Montag ist. Mit seiner Pracht nimmt das Tor den Platz ein. Magisch zieht es dich an.

Doch eher zufällig fällt der Blick nach rechts. Die grün-weiße Starbucks-Dame preist ihre Kaffeespezialitäten an. Die Erinnerung an den Urlaub vor wenigen Wochen in den Schluchten New Yorks erwacht. Dort beißt sich Starbucks in nahezu jede Straßenecke. Die Philosophie des Kaffeeunternehmens ist eng verwoben in dem Gitternetz Manhattans. Den Montagmorgen mit einer kleinen verlockenden Urlaubserinnerung zu beginnen, kann nicht falsch sein, denke ich mir.

Die Filiale am Pariser Platz ist kurz vor halb 9 nur mäßig gefüllt. Hinter dem Tresen verrichten zwei junge Damen ihren Dienst. Die eine scannt den Bildschirm der Computerkasse und verliert sich in den Umsätzen des Morgens. „Wolke“ lese ich auf ihrem Namensschild. Mit ein paar weiße Wölkchen verzierte sie das kleine schwarze Täfelchen an ihrer Schürze.

Wolke

Die andere ist noch mit dem unvollendeten Bezahlvorgang der Kundin ausgelastet, die direkt vor mir steht. Wolke unterhält sich weiter mit der Kollegin. In mir wächst der Wunsch, dass ihre vordringliche Aufgabe darin bestehen sollte, die Kundin mit dem gewünschten Getränk zu versorgen und das Geld in die Kasse des Konzerns zu spülen. Denn danach wäre ich dran. Wolke könnte mir helfen. Ihre Gedanken und ihre Aufmerksamkeit teilt sie nicht mit mir. Irgendetwas muss ihr an diesem Morgen schief gegangen sein. Es ist Montag, auch für Wolke.

Was sie nicht weiß: Nur weil Montag ist, bin ich bei Starbucks. Der Montag hat mich verführt. Die Lage, die Erinnerung und der Service führten mich in genau diesem Moment in die Starbucks-Filiale. „Einen Caffè Latte tall, bitte.“ Sie lässt es mich nicht sagen. Wolke schwebt über ihrer Kasse.

Der Bezahlvorgang der Dame vor mir ist immer noch nicht abgeschlossen. Centstücke machen sich auf den Weg aus den Tiefen der roten Geldbörse in die wühlende Hand. Manche fallen zurück in die Höhlen unter dem Reißverschluss, andere werden abgezählt, im Kopf addiert und mit einigem Zögern übergeben. In einer US-amerikanischen Filiale hätten während dieser gefühlten Ewigkeit mindestens vier bis zehn Kunden ihren Kaffee bestellt und bezahlt. Wolkes Kollegin zählt nach und stellt zu allseitigem Bedauern fest, dass immer noch 40 Cent fehlen. Wolke übersieht mich immer noch. Zu vertieft ist sie in den Dialog mit ihrer Kasse und der Kollegin. Sie redet wie ein Wasserfall. Nicht mit mir.

Ich warte. Es gärt. Völlig überraschend wird mir doch Aufmerksamkeit zuteil. Ich darf meinen Wunsch vortragen: „Einen Caffè Latte tall, bitte.“ Wolke trennt sich von dem Kassenbildschirm und schäumt meine Milch auf. Keine der Damen fragt nach meinem Namen. Obwohl das aufdringliche Schild auf dem Tresen mir erklärt, warum Starbucks nach meinem Namen fragt. „Hallo Wolke, ich heiße Frank“, liegt auf meiner Zunge. Bleibt aber da.

Mit einem kurze „Bitte“ erhalte ich das Getränk. Ich hatte genügend Zeit das Kleingeld zusammenzuklauben. Ein praktisches Terminal zur Zahlung mit der Kreditkarte fehlte. In New York merkte ich den Bezahlvorgang fast nie. Karte durchziehen, erledigt. Ohne Unterschrift, ohne Geheimzahl. Leicht ausgegebene Dollar. Hier schmerzt jeder Cent.

Ich greife nach dem Becher und verlasse Starbucks.

Mit langsamen Schritten nähere ich mich dem Brandenburger Tor. Genieße den Kaffee und den Weg durch das Tor. Die Arbeit ruft. Der Urlaub ist weit weg.

Was soll ich antworten, wenn Starbucks auf facebook fragt: „Montag: Wer oder was lässt Eure Woche mit einem Lächeln beginnen?“

Wolke ist es nicht.

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