Große Fahrradversteigerung

Fahrradversteigerung

Hier werden sie präsentiert.

Mittwochnachmittag am Bahnhof Zoo. In der sogenannten Schließfachhalle sammeln sich ca. 150 Personen und starren auf einen schmucklosen Metallständer, vermutlich in der Lehrwerkstatt entstanden.

Hier werden in den kommenden Stunden 41 Fahrräder versteigert, die bei der Berliner S-Bahn gestrandet sind. Abgestellt am Bahnhof und dann vergessen. Oder im Zug vergessen. Die Eigentümer sind unbekannt, als gestohlen gemeldet ist keines. Das versichert der Mitarbeiter der Bahn mehrfach während der Versteigerung.

Zwei seiner Kollegen bewegen ein Fahrrad auf die Bühne. Mit einer angebrachten Bohrmaschine wird die Teleskopstange ausgefahren, so dass alle Anwesenden hinter der Absperrung das Objekt betrachten können. Begonnen wird auf niedrigem Niveau, meist 2 bis 5 Euro. Schnell schießen die Gebote in die Höhe.

Oft ruft jemand „Zwanzig“ aus dem Hintergrund, um das Verfahren der Fahrradversteigerung abzukürzen. Denn am Anfang erhöht sich das Gebot mit jedem Augenschlag oder Nicken des Auktionators nur um einen Euro. Ab dreißig geht es in Fünferschritten weiter. Ab siebzig Euro sogar in Zehnerschritten.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich. Was alles an diesem Tag angeboten wird, weiß der Interessent nicht: Keine Vorbesichtigung, keine Fotos auf der Seite des Bahnfundbüros. Pure Überraschung. Durchhaltevermögen ist gefragt.

Auch während der Veranstaltung sind keine Fotos erlaubt. Nur mit einer Genehmigung der Pressestelle vom Potsdamer Platz seien Fotos erlaubt, erklärt der uniformierte Mann auf seinem improvisierten Podest immer wieder.

Jeder, der sein Smartphone zückt, wird von Umstehenden argwöhnisch betrachtet. Immer wieder wird aus der Menge heraus lautstark bekräftigt: „Keine Fotos!“ Jedem, der nur den Anschein erweckt, vielleicht ein Foto machen zu wollen, wird es mit deutlich hörbarer Missbilligung entgegengezischt.

Das Preisniveau ist erstaunlich hoch. Die „polizeiliche Überprüfung“ sichert dem Käufer zu, dass er keine Hehlerware oder Diebesgut erwirbt. Der technische Zustand der Zweiräder würde nur selten einer polizeilichen Überprüfung standhalten.

Das erste Rad ist ein Damenrad und wird für 80 Euro nach dreimaligem Aufruf und kräftigem Hammerschlag wieder einem Besitzer zugeführt. Nach dem Aufruf des kleinen „Kannibalen-Rades“, der einundzwanzigste Drahtesel dieses Nachmittages, verlasse ich den Schauplatz. Der Auktionator hatte »cannibal« mit »cannondale« verwechselt. Die kundige Menge lacht kurz und der glückliche Sieger des Bieterwettstreites zahlt 140 Euro. Neben den Rädern konnte man auf zwei Abschlussleisten für eine Küchenarbeitsplatte, zwei Biergartenstühle und eine Teleskopstange bieten.

Vielleicht ging ich zu früh, um das gesuchte Rad zu finden. Ich beschließe, beim nächsten Mal erst nach 90 Minuten zu kommen.

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