Erste Sätze: Jack London – Der Seewolf

Der Vierteiler „Der Seewolf“ mit Raimund Harmsdorf gehört neben Timm Thaler zu meinen Fernseh-Kindheitserinnerungen. Die (immer noch) starke Szene mit der Kartoffel ist ein echter Klassiker.

(Die Kartoffel ca. bei Minute 2.)

Der Roman aus dem Jahr 1904 beginnt in der Übersetzung von 1968 so:

Ich weiß kaum, wo beginnen, wenn ich auch mitunter im Scherz die Ursache all dessen auf das Konto von Charley Furuseth schreibe. Er besaß ein Sommerhäuschen in Mill Valley, im Schatten des Mount Tamalpais, und bewohnt es nie, außer wenn er die Wintermonate vertrödelte und Nietzsche und Schopenhauer las, um sein Gehirn auszuruhen.

Jack London, Der Seewolf
Diogenes Taschenbuch, 1987

Im amerikanischen Original heißt es:

I scarcely know where to begin, though I sometimes facetiously place the cause of it all to Charley Furuseth’s credit. He kept a summer cottage in Mill Valley, under the shadow of Mount Tamalpais, and never occupied it except when he loafed through the winter months and read Nitzsche and Schopenhauer to rest his brain.

Jack London, The Sea Wolf
Bantam Books, 1960-2007

Wer lieber gucken statt lesen will: Der Seewolf – TV-Vierteiler

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Erste Sätze: Eco – Der Friedhof in Prag

Friedhof in Prag (transcript on flickr (CC BY 2.0))

Friedhof in Prag (transcript on flickr (CC BY 2.0))

Wunderbare Stadt, weltbekannter Autor, 519 Seiten.

Der Passant, der an jenem grauen Morgen im März 1897 auf eigene Gefahr die Place Maubert überquert hätte – »la Maub«, wie sie im Ganovenmilieu genannt wurde (einst Zentrum des universitären Lebens im Mittelalter, Treffpunkt der Studenten, die an der Fakultät der Freien Künste am Vicus Stramineus, heute Rue du Fouarre, studierten, dann Pranger-, Folter- und Hinrichtungsstätte für Jünger des freien Denkens wie Étienne Dopet) -, wäre in eines der wenigen Viertel von Paris gelangt, das von den Planierungen des Barons Haussmann verschont geblieben war, ein Gewirr übelriechender Gassen, zerschnitten vom Lauf der Bièvre, die damals dort aus den Eingeweiden der Metropole herauskam, in denen sie so lange eingepfercht gewesen war, um sich fiebernd, gurgelnd und voller Würmer in die nahe Seine zu ergießen.

Umberto Eco, Der Friedhof in Prag
dtv, 2013

Der erste Satz hat 120 Wörter. Ludwig Reiners und Wolf Schneider hätten diesen Satz nicht durchgehen lassen.

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Erste Sätze – Hans Hellmut Kirst: 08/15

Das Buch wurde mit Blacky Fuchsberger in der Rolle des Gefreiten Asch verfilmt.

08/15

Ein weiteres Buch aus dem Nachlass meines Großvaters ist »08/15 in der Kaserne« von Hans Hellmut Kirst. Der erste Teil einer Trilogie, von der ich zwei Bände besitze. Auch dieses Kriegsbuch steht seit Jahrzehnten ungelesen in meinem Bücherregal.

»Eingeteilte links ‚raus!« rief Hauptwachtmeister Schulz, allgemein nur »der Spieß« genannt. Seine Stimme dröhnte über den Appellplatz und flackerte von den Wänden der Kasernenbauten wider. Es war eine mächtige, satte, selbstzufriedene Stimme; Bierdunst und Zigarrenrauch hatten sie eingeölt und angeraucht. Schulz hörte sie gerne.

Hans-Hellmut Kirst, 08/15 in der Kaserne
Lizenzausgabe, undatiert.

Mein Großvater erhielt das Buch Weihnachten 1976 – mehr als 20 Jahre nach seinem Erscheinen.

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Erste Sätze – Buchheim: Das Boot

Von der Offiziersunterkunft im Hotel »Majestic« zur Bar Royal führt die Straße dicht am Strand entlang, eine einzige langgestreckte Kurve von fünf Kilometern Länge. Der Mond ist noch nicht heraus. Trotzdem ist die Straße als fahles Band zu erkennen.

Lothar-Günther Buchheim, Das Boot.
Lizenzausgabe 1975

Das Boot

Das Boot – Geschenk an meinem Großvater

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Erste Sätze: „Ilsebill salzte nach.“

flickr lieferte diesen rostigen Käfer bei der Suche nach "erste Sätze" (Digo_Souza on flickr // CC BY-ND 2.0)

flickr lieferte das Bild eines rostigen Käfers bei der Suche nach „erste Sätze“ (Digo_Souza on flickr // CC BY-ND 2.0)

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Finsternis oder Licht. Himmel und Erde. Tag oder Nacht.

Kraftvoller können die erste Sätze eines Buches kaum sein. Norman hat auf seinem noch frischen Blog ein interessantes Projekt begonnen. Was sagen die erste Sätze eines Buches über das Buch aus? Er befasst sich mit wissenschaftlichen Publikationen der Bereiche Rechts- und Geschichtswissenschaft und Klassikern der politischen Philosophie. Ich will es trivialer angehen und quer durch unsere Bücherwand erste Sätze vorstellen.

Der schönste erste Satz eines Romans soll übrigens „Ilsebill salzte nach.“ sein. Mal sehen, wohin mich das Vorhaben führt und welche Überraschungen in den Werken schlummern.

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