Die gewöhnliche Hausgans

Per E-Mail erreichte mich dieser Text zu meiner Märchen-Blogparade.

Die gewöhnliche Hausgans

Die gewöhnliche Hausgans (ripperda on flick.com (CC BY 2.0))

Es war einmal eine schöne, weiße ganz gewöhnliche Hausgans. Sie war immer etwas ängstlich und unglücklich, wusste aber nicht, warum.

Sie lebte mit vielen anderen schönen, weißen ganz gewöhnlichen Hausgänsen auf einem großen Bauernhof. Den Bauern bekamen sie selten zu sehen. Nur manchmal kam er kurz vorbei, blickte alle Gänse ganz genau an und nahm eine mit.

So lebten sie alle sicher und zufrieden.

Jeden Tag kam ein Junge, der Gänsehirte. Er führte sie morgens auf eine saftige Wiese, dort konnten sie fressen, so viel sie wollten und ruhen, solange sie wollten. Abends brachte er sie wohlbehalten zurück. Denn der Gänsehirte passte immer gut auf sie auf. Kam einmal ein schlauer Fuchs herangeschlichen, verscheuchte er diesen mutig mit seinem langen, starken Hirtenstab. Das gelang ihm fast immer.

Auf dem Weg zum Bauernhof achtete er ganz besonders darauf, dass die Gänse nicht zu Nahe an einen Abgrund kamen. Denn das wäre gefährlich! Die weißen, gewöhnlichen Tiere könnten hinab fallen und dann sterben. Denn es wurde ihm gesagt, dass Gänse dumm seien.

Eines Tages kam wieder ein Fuchs. Diesmal schlich er nicht langsam heran, sondern er stürzte sich ganz plötzlich auf die vor sich hinschlummernde Gänseherde. Selbst der Hirtenjunge hat diesen hinterhältigen Überfall nicht kommen sehen.

Aufgeregt stoben alle Gänse auseinander, jede in eine andere Richtung.

Die ängstliche, unglückliche, weiße Hausgans lief in ihrer Panik schnurstracks in die Richtung eines tiefen Abgrundes. Der Fuchs eilte hinter ihr her. Er kam immer näher und näher.

Als sie nun vor der abgrundtiefen Schlucht stand, schien ihr Leben ein Ende zu nehmen.

Plötzlich hörte sie über sich, hoch in den Lüften, ein Rufen: „Komm, flieg! Du kannst doch fliegen!“

Es war eine graue, zähe Wildgans.

„Wag es, flieg! Du bist ein Vogel, du hast Flügel, gebrauche deine Flügel! Wag es, flieg!“

Als der Fuchs schon ganz nahe war und er grad zum Sprung ansetzte, riss die weiße Hausgans die Augen auf, breitete zum erstmal in ihrem Leben ihre Flügel aus, vergaß dabei ihre Furcht, setzte einen Schritt über den Abgrund hinaus – und flog und flog und flog, soweit sie nur konnte.

Sie flog und flog und flog. (saturn ♄ on flickr (CC BY-SA 2.0)

Sie flog und flog und flog. (saturn ♄ on flickr (CC BY-SA 2.0)

Die ersten Flügelschläge waren schwierig, ungewohnt und sehr anstrengend – und kurz tauchten Zweifel auf.

Doch je mehr sie in die Höhe und in die Weite flog, je mehr sie von der wunderbaren Welt sah und je mehr andere graue Wildgänse an ihrer Seite sie begleiteten, desto freudiger und glücklicher wurde sie in diesem aufregenden, gefahrenvollen Leben.

Und aus der ängstlichen Hausgans wurde eine glückliche Wildgans, die jeden Tag ungewöhnliche Abenteuer erlebte.

Wildgänse

Wildgänse (saturn ♄ on flickr CC BY-SA 2.0)

Die Autorin dieses Märchens ist Erika Fruth. Sie arbeitet als Sprachgestalterin/Sprachtherapeutin in München. 

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Märchen-Blogparade: Es war einmal …

… ein Aufruf zu einer Blogparade, der zum Ziel hatte, viele neue Märchen zu sammeln.

Verlängert bis 18.5.2013!

Gelegentlich habe ich an Blogparaden zu ernsten oder lustigen Themen teilgenommen, mal war auch die Aussicht auf einen Gewinn, Anlass genug mitzumachen.

Die Märchen-Blogparade ist mein erster Versuch, selbst eine solche Reihe ins Leben zu rufen. Eure Aufgabe ist es, ein Märchen zu schreiben. 200 Jahre nach dem Erscheinen der Märchen der Gebrüder Grimm trägst Du dazu bei, diese Erzählform am Leben zu erhalten.

Die Brüder Grimm von Elisabeth Jerichau-Baumann [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Gebrüder Grimm (Gemälde von Elisabeth Jerichau-Baumann, Nationalgalerie Berlin) veröffentlichten von 200 Jahren ihre Sammlung von Kinder- und Hausmärchen.

Der Text soll die klassischen Gattungsmerkmale eines Märchens erfüllen. Dies sind unter anderem:

  • Der Text beginnt mit »Es war einmal…« und enden mit »… und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.«
  • Raum und Zeit sind unbestimmt.
  • Die Geschichte wird im Präteritum erzählt.
  • Im Mittelpunkt steht ein Held, der aus einer schwierigen Situation gerettet werden muss oder andere aus  einer solchen Situation befreit.
  • Die Figuren entbehren jeder Individualität (»ein König«, »ein Schneiderlein« oder »ein Müller«).
  • Bestimmte Zahlen spielen eine Rolle: drei und sieben, aber auch die 13 als Unglückszahl.
  • Die Rollen von gut und böse sind klar verteilt.
  • Tiere oder Gegenstände können sprechen und kommunizieren mit den Menschen.
  • Das Gute gewinnt am Ende der Erzählung.

Weitere Hinweise, wann eine Erzählung ein Märchen ist, findet Ihr auf dieser Seite.

Zu den Regeln: 

  • Bitte schreibt Eure Beiträge bis zum  10. Februar 2013 11. Mai 2013.
  • Verlinkt dazu in Eurem Text auf diesen Post (per Pingback). Zur Sicherheit bitte ich um einen kurzen Kommentar unter diesem Text mit dem Link.
  • Wer (noch) keinen eigenen Blog hat, aber gerne mitmachen möchte, kann den Text auch bei mir veröffentlichen. Bitte in diesem Fall einfach eine kurze Mail an maerchen@hildwin.de
  • Zu gewinnen gibt es – außer Ruhm und Ehre – nichts.

Ich freue mich auf Deinen und Deinen und Deinen Beitrag.

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