Sprachpolizei bei der kleinen Hexe: Neger und Wichse

Die kleine Hexe von Ottfried Preußler muss ohne Neger auskommen. Die Schuhe in dem Kinderbuch werden nicht mehr gewichst, sondern geputzt. Wer bei »durchgewichst« an Geschlechtsverkehr denkt, liegt ohnehin daneben. Die Rede ist von der Prügelstrafe: Kinder, die verhauen, über’s Knie gelegt werden.

Sprach-Clownerie um die kleine Hexe (By Usien  CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0, via Wikimedia Commons)

Sprach-Clownerie um die kleine Hexe (By Usien CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Bei Kinderbüchern, die in jeder Kindergeneration gelesen und verstanden werden sollen, kann ich nachvollziehen, dass die Wichse durch »Prügel« oder »Schuhcreme« ersetzt werden soll. Das Wort wird zwar im Duden noch korrekt erläutert, umgangssprachlich aber nahezu nicht mehr verwendet.

Anders beim Wort Neger. Hier soll die Szene offenbar deutlicher und auch inhaltlich verändert werden. Der Verlag schreibt:

In jener Szene, in der das Wort ‚Neger‘ auftaucht, wird Fasching gefeiert. Otfried Preußler ist dabei wichtig, diese Tradition darzustellen. Die Kinder verkleiden sich auf verschiedene Weise und darunter muss nicht notwendig eine Verkleidung als ‚Neger‘ sein. Der Inhalt der Szene, der Witz und die Intention werden nicht verändert, wenn eine andere, nicht ethnische Verkleidung gewählt wird.

Zu Ende gedacht bedeutet dies, liebe Narren: Karneval ist nur noch korrekt in einer »nicht ethnischen Verkleidung«. Indianer, Neger oder Eskimo sind ab sofort nicht erwünscht, und Euch droht der Ausschluss aus der Festsitzung oder der Platzverweis beim Rosenmontagszug. Zukünftig könnte es auch sein, dass man sich im Karneval nicht mehr als Bankräuber (Aufruf zur Begehung von Straftaten) oder Polizist (übertriebene Gewaltdarstellung) verkleiden darf. Clown geht wahrscheinlich auch nicht, da damit indirekt die unmenschliche Haltung von Zootieren unterstützt wird.

Durch derartige Sprachanpassungen wird Rassismus nicht beseitigt.
Im Großen Brockhaus von 1955 heißt es unter dem Eintrag Neger:

Die Akklimatisationsfähigkeit und soziale Anpassungsgabe des N. hat die wirtschaftliche Erschließung weiter Teile Afrikas und Amerikas ermöglicht. […] In dienender Rolle ist der N. bei gerechter Behandlung ansprechbar und treu.

Unfassbar, auch für das Jahr 1955! Da springt der Rassismus dem Leser unmittelbar entgegen und würde auch nicht eliminiert, wenn man beim Lesen das Wort Neger durch ein garantiert nicht negativ konnotiertes Wort ersetzte.

Keine Sprachpolizei, bitte! 

Sprache verändert sich, wenn sie benutzt wird. Neue Wörter entstehen, andere wechseln die Bedeutung. Das ist gut und richtig. Da Ottfried Preußler mit der Änderung einverstanden ist, sind die Änderungen für die Neuauflage hinnehmbar. Ich hätte mich an seiner Stelle jedoch anders entschieden. Sprache ist ein lebendiges Ding im Kontext ihrer Zeit.

Eine Sprachpolizei brauchen wir nicht. Rassismus verschwindet nicht, wenn einzelne Begriffe verbannt werden. Und die Verwendung eines negativ konnotierten Wortes macht den Sprecher nicht automatisch zum Rassisten.

Toleranz und Gleichberechtigung müssen wir alle immer wieder leben und praktizieren. Der richtige Sprachgebrauch stellt sich dann ganz von selbst ein.

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